Zeitzeuge Hermann Burst und die Entwicklung des „Entenbürzels“ im Windkanal
Hermann Burst hat die Entwicklung des „Entenbürzels“ damals eingeleitet. Er war ab 1967 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am FKFS im Windkanal tätig. Schon in diesen Jahren verschrieb er sich der Aerodynamik und beschäftigt sich als Mitarbeiter des FKFS mit diversen Fahrzeugmodellen von namhaften Automobilherstellern. Aber nicht nur das, es werden auch Hubschrauber und senkrecht startende Flugzeuge im Windkanal untersucht. Burst sammelt Erfahrungen, die ihm später noch zu Gute kommen werden. 1968 lernt er im Windkanal den Porsche-Rennsportchef Peter Falk kennen und wechselt 1969 zu Porsche in die Rennsportabteilung. In seiner Tätigkeit verbessert er die Aerodynamik der Modelle 917, 917 Can Am, 908-03 und 908-02 Langheck.
1970 erhält Hermann Burst die Aufgabe, sich um den Porsche 911 und dessen aerodynamischen Auftrieb zu kümmern. Denn dieser macht Probleme und die Porsche-Fahrer die mit dem Auto auch auf die Rennstrecke gehen möchten sind unzufrieden. Die damalige Form des Porsche 911 gleicht, von der Seite betrachtet der Form eines Flugzeugflügels. Was schick aussieht, bringt aus aerodynamischer Sicht Probleme mit sich. Denn wie auch bei Flugzeugen begünstigt die Form den Auftrieb des Fahrzeuges. Dies führt bei hohen Geschwindigkeiten zu einem nervösen Fahrverhalten. Burst erzählt: „In meiner Tätigkeit am FKFS Windkanal hatte ich mich bereits mit dem Luftwiderstand verschiedenster Karosserieformen beschäftigt. Daher wusste ich, dass wir dieses Problem am Besten im FKFS Windkanal lösen können. So bin ich damals mit meinem Team für mehrere Tage in diesen Windkanal gegangen.“ Dieser steht damals noch in Stuttgart-Untertürkheim.
Burst kommt nun seine Erfahrung mit Flugzeugen zu Gute und so entsteht die Idee, einen Heckspoiler zu entwickeln, der an entscheidender Stelle auf dem Fahrzeug angebracht wird. Durch den Heckspoiler soll das Auto bei hohen Geschwindigkeiten auf die Straße gedrückt werden. Zusätzlich erhoffen sich die Ingenieure, dass der Heckspoiler den Heckmotor des 911 mit zusätzlicher Kühlluft versorgt. Und tatsächlich: Der Plan geht auf! Und so entwickelt Burst im FKFS Windkanal gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Tilman Brodbeck und dem Stylisten Rolf Wiener den Heckspoiler des RS, später bekannt als „Entenbürzel“. Burst erinnert sich: „Damals lief das anders ab als heute. Wir haben einfach Pappe, Bleche und Holzklötze auf die Motorhaube gelegt und geschaut was passiert.“ Der Heckspoiler sorgt für einen geringeren Auftrieb des Autos, der Luftwiderstandsbeiwert wird reduziert, der Motor erhält eine zusätzliche Kühlung und die Höchstgeschwindigkeit wird gesteigert. Ein voller Erfolg auf der ganzen Linie.
Für die Entwickler war es zunächst nur die Lösung eines aerodynamischen Problems. Nicht alle waren am Anfang Fan des neu hinzugefügten Spoilers. Der Vertrieb war zunächst mit seinen Prognosen sehr zurückhaltend und sah die neu entstandene Form eher als Hindernis beim Verkauf des Fahrzeugs an. Doch genau das Gegenteil geschah und eben durch die Einzigartigkeit des Autos wurde der Porsche Carrera 2.7 RS zum absoluten Verkaufsschlager. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Autos verkauft. Die Entwicklung gilt bis heute als wegweisend für viele weitere Heckspoiler-Entwicklungen des Porsche 911 und machte dieses Modell zur absoluten Ikone. Wer heute eins der Fahrzeuge besitzt, kann sich glücklich schätzen, denn diese haben heute einen sehr hohen Wert.
Der FKFS Windkanal heute
Heute befindet sich der FKFS Windkanal nicht mehr in Stuttgart-Untertürkheim, sondern in Stuttgart-Vaihingen. Er wurde dort 1987 in Betrieb genommen. In den letzten Jahrzehnten wurde der Aeroakustik-Fahrzeugwindkanal kontinuierlich modernisiert, zuletzt in 2014. Er ist einer der modernsten Anlagen seiner Art weltweit für aerodynamische Untersuchungen von PKWs, Vans und Rennsportfahrzeugen. Neben umfangreichen akustischen Messmethoden stehen auch zahlreiche Versuchsmöglichkeiten zur Messung von Kräften, Drücken und Geschwindigkeiten sowie zur Strömungsvisualisierung zur Verfügung.
Auch heute werden zahlreiche Aerodynamik-Projekte für namhafte Kunden im FKFS Windkanal durchgeführt. Prof. Dr.-Ing. Andreas Wagner ist im Vorstand des FKFS und verantwortet den Vorstandsbereich Fahrzeugtechnik, zu dem auch die Windkanalanlage gehört. Wagner sagt uns dazu: „Auch heute führen wir zahlreiche spannende Projekte für diverse Kunden im Windkanal durch. Über die meisten dürfen wir nicht sprechen, da sie einer strengen Geheimhaltungspflicht unterliegen. Diese nehmen wir natürlich sehr ernst. Es zeigt sich aber, dass die Aerodynamikentwicklung weiterhin sehr wichtig ist, ja sogar an Stellenwert zunimmt. Auf die Herausforderungen der künftigen Aerodynamik freue ich mich sehr. Das Thema ist spannender denn je!“